ultraothodox:
Es gibt viele verschiedene Strömungen. Die Vorstellungen von der Welt und dem Judentum sind teilweise grundverschieden. Das kann man gut an einem Beispiel darstellen.
Während der größte Teil der Ultraorthodoxen den Staat Israel aus taktischen Gründen unterstützt, erkennt eine kleine Strömung den Staat Israel nicht an. Das Judentum unterscheidet sich ja insoweit vom Christentum, dass es noch auf den „Messias“ wartet, den das Christentum schon gefunden hat. Im alten Testament steht sinngemäß, dass der Messias die Juden in ein eigenes Land führen wird, so wie Moses es damals getan hat. Da es noch keinen Messias gab, sei ein Staat „Israel“ illegal.
Diejenigen, die den Staat ablehnen, dürfen nicht in die IDF, die anderen ultraorthodoxen Jugendlichen verweigern mit der Begründung sie müssten für das Volk beten.
Kinder:
Eine ultraorthodoxe Familie hat im Schnitt 7-9 Kinder. Die Kinder wachsen in einem sehr behüteten Umfeld auf. Meistens in Vierteln, in denen nur Ultraorthodoxe leben. Dadurch kommen die Kinder wenig mit anderen Lebensformen in Berührung. Die Familie und die Orthodoxie bestimmen alles. Es hat durchaus etwas paradisisches, wenn am Schabbat in Mea Schearim, einem ultraorthodoxen Jerusalemer Viertel, die Kinder auf der Straße seilspringen und singen. So ein bisschen so, wie ich mir das Leben in einer kommunistischen idealtypischen Weddinger Mietskaserne vorstelle. Von den 8 Kindern schlägt im Schnitt nichtmal 1 Kind einen anderen Lebensweg ein. Andere Lebenswege sind entweder unbekannt, oder werden gewissermaßen verdammt. Wie z.B die
Homosexualität:
Jedes Jahr gibt es zum Christopher Street Day in Jerusalem massive Proteste von Ultraorthodoxen. In Tel Aviv ist die Queer-Szene lebendig, in Jerusalem fast nicht vorhanden. Die Ultraorthodoxen befinden sich aber gewissermaßen in einem Dilemma, denn über Homsexualität spricht man zuhause nicht und man will auch gar nicht so genau artikulieren, gegen was man eigentlich protestiert. Die Kinder sollen am Besten gar nichts davon hören. Also ist der Protest relativ abstrakt und die reine Störung ohne Inhalt.
Ein Nachmittag in Mea Schearim:
An einem Schabbatbeginn am Freitag um 16°° war ich mit einem Freund in diesem Viertel, in dem ausschließlich ultraorthodoxe Juden leben. Wir sind durch die Straßen gelaufen und haben uns irgendwann auf einen Bürgersteig gesetzt und geguckt, so wie das uns von frueheren ASF-lern empfohlen wurde. Beim Spazieren kamen wir an einem turnhallengroßen Gebäude vorbei. Die Tür war offen und wir konnten einen Blick hineinwerfen. In der Halle standen mehr als 50 Kinder und Jugendliche, alle in weißen Hemden, schwarzen Hosen, mit Kipas, Schläfenlocken, Gebetsriemen und Gebetsbüchern in der Hand. Sie murmelten in einer Art Sprechgesang vor sich hin und wippten mit den Oberkörpern. Es war 16:30Uhr, Schabbatbeginn und der Strom der Kinder in diese Halle war noch nicht versiegt. Unser kurzes Stehenbleiben hatte uns die ersten misstrauischen Blicke von Erwachsenen eingebracht. Abgesehen davon, dass ich nicht gerne fotographiere, wäre es auch absolut nicht die beste Idee gewesen das zu tun. Wir fielen als leger gekleidete Menschen sowieso sehr auf und vor einer Woche wurde eine Reisegruppe aus Schottland nicht nach Mea Schearim hinein gelassen. Man sei doch kein Zoo! Die ultraorthodoxen Türsteher verstanden keinen Spaß. Wir jedenfalls spazierten weiter und kamen ins Zentrum des Viertels. Auf einmal ein lautes aufheulen eines Motors; Moment mal, wie kommt ein Auto durch die Straßensperren, die die Ultras pünktlich zu Beginn des Schabbat an allen Eingängen des Viertels errichten? Das Auto war kein Auto, sondern ein Motorrad, das relativ schnell und mit zwei Mann lachender Besatzung durch die Straßen fegte um die Ultras zu provozieren. Klappte aber nicht. Ein paar ältere Männer schüttelten die Köpfe und liefen dann weiter, ein paar jüngere staunten über diese unerhörte Störung der Ruhe, aber alles in allem störte es keinen großen Geist. Wir setzten uns bald danach auf einen Bürgersteig und beobachteten das vorbeiziehende Leben. Wir wollten versuchen Blickkontakt zu hübschen Mädels aufzunehmen und ein bisschen zu flirten. Aus rein wissenschaftlichem Interesse! Das klappte lange nicht. Uns fielen ein paar Sachen auf:
Erstens: Menschen liefen v.a. in kleinen Gruppen auf der Straße. Entweder ganze Familien oder als Gruppen von gleichaltrigen. Dann aber geschlechtergetrennt. Gruppen von Jungs in unserem Alter, 15 jährigen Mädels, alte Männer. Aber auch junge Mütter mit Kinderwagen und vielen anderen Kindern. Es war interessant zu sehen, dass 10jährige Mädchen oft schon die Verantwortung für die jüngeren Geschwister übernahmen. Fast so als lernten sie schon die Mutterrolle. Wir liefen später auch an einer Gruppe von Mädchen kleinen Mädchen vorbei, die auf der Straße spielten. Dieses ultraorthodoxe Leben hat etwas weiches, angenehm sorgenfreies. Solange man nicht versucht seine Homosexualität oder seinen Atheismus offen auszuleben.
Zweitens: Das flirten klappte denkbar schlecht. Dabei wollten wir nicht einmal richtig flirten, sondern suchten nur aktiv den Augenkontakt zu jungen Damen und warteten auf irgendeine Art aufblitzende Verwunderung oder Sexualität in den Augen. Wir sahen sehr viele Mädchen vorbeilaufen und nur bei einer blitzte was. Und damit komme ich zum nächsten Punkt, den ich auch ohne Selbstversuch hier so gebracht hätte. Die
Sexualität:
Ultraorthodoxe Juden haben die ersten sexuellen Erfahrungen in der Ehe, die meistens schon sehr jung geschlossen wird. Sex dient ausschließlich der Fortpflanzung und darf keinen Spaß machen. Es gibt Strömungen in der Ultraorthodoxie, in denen sich die Frauen nach der Eheschließung die Haare abrasieren und auf der Straße mit Perücke rumlaufen. Ganz normal ist es dann auch, dass man im Bus schnell mal die Perücke richtet. Da fallen uns unbedarften Voluntären fast die Augen aus dem Kopf. Dieser rasierte Kopf soll beim Sex einfach den Spaß nehmen. Das ist krass, oder? Und während man in eher säkulären Teilen der Stadt, wie auch in Deutschland, sehr häufig jugendliche Paare sieht, gibt es das unter den Ultras einfach nicht. Sexualität wird massiv unterdrückt. Ach ja, zwei Tage vor Schabbatbeginn bis zum Schabbatende ist Sex verboten, weil es unrein ist.
Wohnraum:
Mit der großen Kinderzahl geht einher, dass der Wohnraum knapp wird: Was tun? Die Ultras haben Antworten gefunden. Es läuft ähnlich wie die Versetzung der der Grundsteine im Mittelalter, ist aber irgendwie ein schleichenderer Prozess. Am Schabbat werden die Straßenblockaden einfach ein bisschen weiter in die benachbarten Viertel reingeschoben und die frisch verheirateten Kinder ziehen in Grenzhäuser des Viertels. Irgendwann wird es den Mietern der betroffenen Häuser zu bunt und sie ziehen aus, Ultraorthodoxe ziehen ein und die Blockade wird weiter vorgeschoben. Das ist die erste Methode. Die zweite Methode ist der Siedlungsbau. Es gibt Rabbinerseminare und ultraorthodoxe Institute, die das alte Testament ganz besonders genau durchforsten und alle Orte, in denen jüdisches Leben war, als Siedlungsraum empfehlen. Diese Orte liegen oft im Westjordanland, das stört aber nicht weiter. Der Staat Israel subventioniert Siedler viel massiver als man glaubt. Besonders die aktuelle Netanjahu-Regierung.
Also: Nehmen wir an, ein Nachfahre Abrahams habe mit seiner Familie in einem Ort nahe Hebron gelebt und die Ultras wissen das. Dann passiert oft folgendes. Über bezahlte Mittelsmänner kauft eine orthodoxe Stiftung ein Haus in dem Ort, schickt eine Pionierfamilie in dieses Haus und hisst eine Israel-Fahne. Jetzt braucht dieses Haus aber einen israelischen Lebensstandard. Also baut die israelische Regierung eine Straße zu dem Haus, installiert Wasser und Strom, baut einen Zaun um das Haus und stellt ein paar Soldaten ab, die das Haus bewachen. Es entsteht ein Checkpoint und ein Teil der Straße steht nur den Siedlern zur Verfügung. Die Lebensumstände der Palästinenser werden schlechter und wenn möglich ziehen die Familien woanders hin. Die Siedler versuchen auch gezielt, den Palästinensern das Leben schwer zu machen. Die Grundstückspreise fallen und die Hausbesitzer sind froh, wenn wieder ein Mittelsmann kommt und für einen guten Preis sein Haus kauft. Da ziehen dann neue Siedler ein,…
Das Geld, das die Ultras haben kommt zum großen Teil aus den USA, da von Privatpersonen ultraorthodoxen Institutionen. Wenn eine Siedlung von Israel neu gebaut wird, und auch das geschieht aktuell, dann kaufen die Ultras die Häuser von der israelischen Regierung für maximal die Hälfte der Bau und Grundstückskosten. Das ist die reinste Subventionspolitik und der israelische Steuerzahler zahlt. Die ultraorthodoxe Einflussnahme auf die aktuelle Regierung ist enorm. Und der prozentuale Anteil der Ultras in der Bevölkerung wächst.
Letzte Anmerkung:
An diesem Schabbat kam es zu gewalttätigen Demonstrationen von Ultraorthodoxen gegen den Computer- und Softwareproduzenten Intel. Gewalttätig insoweit, als israelische Polizisten Steinewerfende Ultras verhaften musste. Grund für diese Demo war eben Intel, das seit ein paar Wochen auch am Schabbat arbeiten lässt. Und das geht halt nicht!