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Es gibt Situationen in Israel, die große Erkenntnisgewinne bringen. So eine hatte ich auf dem Seminar der “Aktion Sühnezeichen Friedensdienste” vor ein paar Tagen, als wir deutschen Jugendlichen eine Diskussion mit israelischen jungen Menschen hatten. Das Thema der Kleingruppen war, wie die junge Generation mit der Shoah umgehen sollte.
Brisant war, dass sich hierbei zwar Jugendliche trafen, deren Einsatz gegen Antisemitismus und Rassismus relativ groß ist, dass aber auch deutlich gemacht wurde, dass es hier ein Zusammentreffen der Opfer- und der Täterseite gab. Mir war selten vorher so bewusst, dass ich “Täterseite” bin. Ich fühlte und fühle mich eigentlich eher als Teil einer Generation, die verhindern möchte, dass Verbrechen gegen die Menschlichkeit immer weiter geschehen.
Die Diskussion in meiner Kleingruppe nahm schnell fahrt auf. Ich stellte meine Sicht des Eskalationsprozesses dar. Dass nämlich dieses unvergleichliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht aus dem Nichts entstanden war, dass eine ganz bestimmte Generation (1900-1905 geboren und erzkonservativ bis nationalistisch geprägt) später die größte Stütze für das NS Regim war. Dass das Verbrechen einen Vorlauf hatte.
Die Reaktion auf diese Worte war heftig. Ein Israeli, der bei der Vorstellungsrunde darauf hingewiesen hatte, dass der ganze Familienzweig seiner Großmutter mütterlicherseits ermordet worden war, warf mir vor relativieren zu wollen.
Ich war ein bisschen überfahren. Bitte?
Naja, wenn ich diesen Mord an sechs Millionen Juden erklären können würde, dann würde ich dem einzigartigen Verbrechen doch das teuflische nehmen. Das Unbegreifbare selbstverständlich erst Recht. Und das brauchtene wir, damit die Erinnerung an die Shoah stark und präsent bleibe. Er habe noch keine Gedanken daran verschwendet, wie es zur Tat hatte kommen können. Er wolle dieses Bild der sechs Millionen Ermordeten in den Vordergrund stellen.
Wiederum waren die Israelis von dem “deutschen” Gedanken sehr überrascht, dass wir verstehen wollen um etwas für die Zukunft zu verstehen und einschreiten zu können, wenn sich irgendwo auf der Welt Parallelen andeuten. Einer der Israelis nannte das in der Abschlussrunde einen “Eye-Opener”. Ich habe verstanden, dass die dritte Generation sehr sensibel ist und dass die Holocaust Education anscheinend in Deutschland andere Ansätze verfolgt als in Israel. Ausgerechnet in diesen beiden Ländern, die den Holocaust weltweit wohl am dicksten in die Lehrpläne ihrer Schulen eingetragen haben.

Erkenntnisgewinne sind wertvoll, ich bin froh, dass ich in Israel sein kann.

Es gibt eine „AMERICAN COLONY“ im arabischen Ostjerusalem. Diese American Colony ist Schauplatz eines wahren Zusammenpralls der Kulturen. Ein Überblick:

Zwischen 1948 und 1967 war das Westjordanland einschließlich Ostjerusalem unter jordanischer Kontrolle. Damals flohen viele Palästinenser aus Israel. Viele von ihnen wurden aus ihren Häusern vertrieben. Deshalb bezuschusste die UNO den Neubau von Häusern für Palästinenser. Viele Häuser wurden gebaut, dafür wurden keine anderen Häuser abgerissen, diese Häuser wurden auf unbewirtschaftetem Land errichtet.
Als die Gebiete wieder an die Israelis fielen, bestand selbstverständlich kein Anlass die rechtmäßigen Hausbesitzer zu vertreiben. Das Leben ging weiter, die Familien etablierten sich in dieser Gegend, es ist die zweite, manchmal sogar schon dritte Generation, die in diesen Häusern lebt.

In unmittelbarer Nähe ist ein jüdischer Friedhof, auf dem sehr bekannter Rabbiner ruht. Der ganze Ort hat dadurch an Heiligkeit immens gewonnen und heilige Orte ziehen Siedler an. Die ersten Siedler bezogen also direkt nach Gewinnung der israelischen Herrschaft über dieses Gebiet, den Ort. Sie bauten eigene Häuser, die natürlich unter dem Schutz der Isreali Defense Force (IDF) stehen.

Langsam wurde dann der Platz eng, die Räumung arabischer Häuser begann. Dafür gibt es offizielle Begründungen, eher Ausflüchte oder Rechtfertigungen. Das Gebiet ist halt unter israelischer Kontrolle. Vor einem Jahr begannen diese Räumungen – palästinensische Anwohner sind der Überzeugung, dass am Ende alle Araber von hier verschwinden werden müssen. Das weiß man nicht, man weiß eigentlich gar nichts.
Jedenfalls begannen die Israelis mit dem Räumen der Häuser und stießen dabei auf relativ heftigen Widerstand aus jüdisch-israelischen Friedensbewegungen. So sorgen diese Organisationen dafür dass das Thema in den Medien bleibt.
Der Stand ist der, dass die Menschen, die vertrieben werden, in Flüchtlingslager gehen und unter deutlich schlechteren Lebensbedingungen leben, als zuvor. Eine Familie hat ein neue Form von Protest entwickelt. Der Vater hat sich auf der Straße vor seinem besetzten Haus ein Zelt aufgebaut. Darin stehen ein Fernseher und ein Bett. Beides auf Holzgestellen, damit der Regen, der bei Gewitter durch das Zelt fließt, nichts kaputt machen kann. Der Vater lebt in diesem Zelt und protestiert somit durchgehend gegen die Siedler, die neu in das Haus eingezogen sind. Jeden Tag kommt seine Frau mit den Kindern für ein paar Stunden zu Besuch und sie setzen sich dazu. Auch Friedensaktivisten sind fast immer mit dabei. Ein unglaubliches Szenario, von dem die Siedlerfamilie offensichtlich unbeeindruckt bleibt. An was glauben diese beiden jungen Menschen, wenn sie am Fenster im ersten Stock ihre Wäsche aufhängen, vis a vis mit den von ihnen Vertriebenen. Da hört das verstehen von uns Freiwilligen dann auch auf.

Wenn man so etwas überhaupt relativieren kann, dann vielleicht dadurch, dass man zugibt, dass erst zwei Familien in dieser Gegend vertrieben worden sind. Wie aber schon erwähnt, glauben die Anwohner nicht, dass das Ende der Fahnenstange damit erreicht ist und warten durchgehend auf ihre Räumung zugunsten eines neuen Siedlerpaares.

Als wir vor dem Haus standen und uns mit den Vertriebenen unterhalten haben, da öffnete sich auf einmal die Wohnungstür des Hauses und das Pärchen verließ mit Kinderwagen und Scheuklappen das Haus. Eine irreale Szene, auch weil ich mir einen Siedler, also eine personifizierte Intoleranz, ganz anders vorgestellt habe.
Klar, der Mann trug Kipa und die Frau das orthodoxe Gegenstück, ein Kopftuch. Sie waren aber zum Beispiel knallbunt angezogen, sie trug dazu eine „Northface“-Jacke, er eine helle, schicke, Jeans. Ich habe mir die Menschen dunkel vorgestellt, wie ihre Seele.

Mit nachdenklichen Grüßen,

Fritz

Holocaust-Gedenktag

Shalom,

anlässlich des Holocaust-Gedenktages habe ich zusammen mit Alexandra Blöcker, einer ASF Freiwilligen aus dem letzten Jahr, einen Beitrag auf dem Blog der Grünen Jugend veröffentlicht.

Es geht um das Thema Gedenkkultur in Deutschland – Umgang mit dem Holocaust. Unten steht der Link, viel Spaß beim lesen. Kommentare bitte wieder gerne hier auf dem Blog, ab heute lebt er wieder.

http://blog.gruene-jugend.de/archives/2337

Liebe Grüße,

Fritz

Fotos

Ich habe jetzt Fotos bei Facebook online gestellt. Von allen, die keine Möglichkeit haben auf Facebook zuzugreifen, erbitte ich noch kzat(ein bisschen) Geduld. Bald sind die Fotos auch hier online.

 

Liebe Grüße,

Fritz

ultraothodox:

Es gibt viele verschiedene Strömungen. Die Vorstellungen von der Welt und dem Judentum sind teilweise grundverschieden. Das kann man gut an einem Beispiel darstellen.

Während der größte Teil der Ultraorthodoxen den Staat Israel aus taktischen Gründen unterstützt, erkennt eine kleine Strömung den Staat Israel nicht an. Das Judentum unterscheidet sich ja insoweit vom Christentum, dass es noch auf den „Messias“ wartet, den das Christentum schon gefunden hat. Im alten Testament steht sinngemäß, dass der Messias die Juden in ein eigenes Land führen wird, so wie Moses es damals getan hat. Da es noch keinen Messias gab, sei ein Staat „Israel“ illegal.

Diejenigen, die den Staat ablehnen, dürfen nicht in die IDF, die anderen ultraorthodoxen Jugendlichen verweigern mit der Begründung sie müssten für das Volk beten.

 

Kinder:

Eine ultraorthodoxe Familie hat im Schnitt 7-9 Kinder. Die Kinder wachsen in einem sehr behüteten Umfeld auf. Meistens in Vierteln, in denen nur Ultraorthodoxe leben. Dadurch kommen die Kinder wenig mit anderen Lebensformen in Berührung. Die Familie und die Orthodoxie bestimmen alles. Es hat durchaus etwas paradisisches, wenn am Schabbat in Mea Schearim, einem ultraorthodoxen Jerusalemer Viertel, die Kinder auf der Straße seilspringen und singen. So ein bisschen so, wie ich mir das Leben in einer kommunistischen idealtypischen Weddinger Mietskaserne vorstelle.  Von den 8 Kindern schlägt im Schnitt nichtmal 1 Kind einen anderen Lebensweg ein. Andere Lebenswege sind entweder unbekannt, oder werden gewissermaßen verdammt. Wie z.B die

 

Homosexualität:

Jedes Jahr gibt es zum Christopher Street Day in Jerusalem massive Proteste von Ultraorthodoxen. In Tel Aviv ist die Queer-Szene lebendig, in Jerusalem fast nicht vorhanden. Die Ultraorthodoxen befinden sich aber gewissermaßen in einem Dilemma, denn über Homsexualität spricht man zuhause nicht und man will auch gar nicht so genau artikulieren, gegen was man eigentlich protestiert. Die Kinder sollen am Besten gar nichts davon hören. Also ist der Protest relativ abstrakt und die reine Störung ohne Inhalt.

 

Ein Nachmittag in Mea Schearim:

An einem Schabbatbeginn am Freitag um 16°° war ich mit einem Freund in diesem Viertel, in dem ausschließlich ultraorthodoxe Juden leben. Wir sind durch die Straßen gelaufen und haben uns irgendwann auf einen Bürgersteig gesetzt und geguckt, so wie das uns von frueheren ASF-lern empfohlen wurde. Beim Spazieren kamen wir an einem turnhallengroßen Gebäude vorbei. Die Tür war offen und wir konnten einen Blick hineinwerfen. In der Halle standen mehr als 50 Kinder und Jugendliche, alle in weißen Hemden, schwarzen Hosen, mit Kipas, Schläfenlocken, Gebetsriemen und Gebetsbüchern in der Hand. Sie murmelten in einer Art Sprechgesang vor sich hin und wippten mit den Oberkörpern. Es war 16:30Uhr, Schabbatbeginn und der Strom der Kinder in diese Halle war noch nicht versiegt. Unser kurzes Stehenbleiben hatte uns die ersten misstrauischen Blicke von Erwachsenen eingebracht. Abgesehen davon, dass ich nicht gerne fotographiere, wäre es auch absolut nicht die beste Idee gewesen das zu tun. Wir fielen als leger gekleidete Menschen sowieso sehr auf und vor einer Woche wurde eine Reisegruppe aus Schottland nicht nach Mea Schearim hinein gelassen. Man sei doch kein Zoo! Die ultraorthodoxen Türsteher verstanden keinen Spaß. Wir jedenfalls spazierten weiter und kamen ins Zentrum des Viertels. Auf einmal ein lautes aufheulen eines Motors; Moment mal, wie kommt ein Auto durch die Straßensperren, die die Ultras pünktlich zu Beginn des Schabbat an allen Eingängen des Viertels errichten? Das Auto war kein Auto, sondern ein Motorrad, das relativ schnell und mit zwei Mann lachender Besatzung durch die Straßen fegte um die Ultras zu provozieren. Klappte aber nicht. Ein paar ältere Männer schüttelten die Köpfe und liefen dann weiter, ein paar jüngere staunten über diese unerhörte Störung der Ruhe, aber alles in allem störte es keinen großen Geist. Wir setzten uns bald danach auf einen Bürgersteig und beobachteten das vorbeiziehende Leben. Wir wollten versuchen Blickkontakt zu hübschen Mädels aufzunehmen und ein bisschen zu flirten. Aus rein wissenschaftlichem Interesse! Das klappte lange nicht. Uns fielen ein paar Sachen auf:

Erstens: Menschen liefen v.a. in kleinen Gruppen auf der Straße. Entweder ganze Familien oder als Gruppen von gleichaltrigen. Dann aber geschlechtergetrennt. Gruppen von Jungs in unserem Alter, 15 jährigen Mädels, alte Männer. Aber auch junge Mütter mit Kinderwagen und vielen anderen Kindern. Es war interessant zu sehen, dass 10jährige Mädchen oft schon die Verantwortung für die jüngeren Geschwister übernahmen. Fast so als lernten sie schon die Mutterrolle. Wir liefen später auch an einer Gruppe von Mädchen kleinen Mädchen vorbei, die auf der Straße spielten. Dieses ultraorthodoxe Leben hat etwas weiches, angenehm sorgenfreies. Solange man nicht versucht seine Homosexualität oder seinen Atheismus offen auszuleben.

Zweitens: Das flirten klappte denkbar schlecht. Dabei wollten wir nicht einmal richtig flirten, sondern suchten nur aktiv den Augenkontakt zu jungen Damen und warteten auf irgendeine Art aufblitzende Verwunderung oder Sexualität in den Augen. Wir sahen sehr viele Mädchen vorbeilaufen und nur bei einer blitzte was. Und damit komme ich zum nächsten Punkt, den ich auch ohne Selbstversuch hier so gebracht hätte. Die

 

Sexualität:

Ultraorthodoxe Juden haben die ersten  sexuellen Erfahrungen in der Ehe, die meistens schon sehr jung geschlossen wird. Sex dient ausschließlich der Fortpflanzung und darf keinen Spaß machen. Es gibt Strömungen in der Ultraorthodoxie, in denen sich die Frauen nach der Eheschließung die Haare abrasieren und auf der Straße mit Perücke rumlaufen. Ganz normal ist es dann auch, dass man im Bus schnell mal die Perücke richtet. Da fallen uns unbedarften Voluntären fast die Augen aus dem Kopf. Dieser rasierte Kopf soll beim Sex einfach den Spaß nehmen. Das ist krass, oder? Und während man in eher säkulären Teilen der Stadt, wie auch in Deutschland, sehr häufig jugendliche Paare sieht, gibt es das unter den Ultras einfach nicht. Sexualität wird massiv unterdrückt. Ach ja, zwei Tage vor Schabbatbeginn bis zum Schabbatende ist Sex verboten,  weil es unrein ist.

 

Wohnraum:

Mit der großen Kinderzahl geht einher, dass der Wohnraum knapp wird: Was tun? Die Ultras haben Antworten gefunden. Es läuft ähnlich wie die Versetzung der der Grundsteine im Mittelalter, ist aber irgendwie ein schleichenderer Prozess. Am Schabbat werden die Straßenblockaden einfach ein bisschen weiter in die benachbarten Viertel reingeschoben und die frisch verheirateten Kinder ziehen in Grenzhäuser des Viertels. Irgendwann wird es den Mietern der betroffenen Häuser zu bunt und sie ziehen aus, Ultraorthodoxe ziehen ein und die Blockade wird weiter vorgeschoben. Das ist die erste Methode. Die zweite Methode ist der Siedlungsbau. Es gibt Rabbinerseminare und ultraorthodoxe Institute, die das alte Testament ganz besonders genau durchforsten und alle Orte, in denen jüdisches Leben war, als Siedlungsraum empfehlen. Diese Orte liegen oft im Westjordanland, das stört aber nicht weiter. Der Staat Israel subventioniert Siedler viel massiver als man glaubt. Besonders die aktuelle Netanjahu-Regierung.

Also: Nehmen wir an, ein Nachfahre Abrahams habe mit seiner Familie in einem Ort nahe Hebron gelebt und die Ultras wissen das. Dann passiert oft folgendes. Über bezahlte Mittelsmänner kauft eine orthodoxe Stiftung ein Haus in dem Ort, schickt eine Pionierfamilie in dieses Haus und hisst eine Israel-Fahne. Jetzt braucht dieses Haus aber einen israelischen Lebensstandard. Also baut die israelische Regierung eine Straße zu dem Haus, installiert Wasser und Strom, baut einen Zaun um das Haus und stellt ein paar Soldaten ab, die das Haus bewachen. Es entsteht ein Checkpoint und ein Teil der Straße steht nur den Siedlern zur Verfügung. Die Lebensumstände der Palästinenser werden schlechter und wenn möglich ziehen die Familien woanders hin. Die Siedler versuchen auch gezielt, den Palästinensern das Leben schwer zu machen. Die Grundstückspreise fallen und die Hausbesitzer sind froh, wenn wieder ein Mittelsmann kommt und für einen guten Preis sein Haus kauft. Da ziehen dann neue Siedler ein,…

Das Geld, das die Ultras haben kommt zum großen Teil aus den USA, da von Privatpersonen  ultraorthodoxen Institutionen. Wenn eine Siedlung von Israel neu gebaut wird, und auch das geschieht aktuell, dann kaufen die Ultras die Häuser von der israelischen Regierung für maximal die Hälfte der Bau und Grundstückskosten. Das ist die reinste Subventionspolitik und der israelische Steuerzahler zahlt. Die ultraorthodoxe Einflussnahme auf die aktuelle Regierung ist enorm. Und der prozentuale Anteil der Ultras in der Bevölkerung wächst.

 

Letzte Anmerkung:

An diesem Schabbat kam es zu gewalttätigen Demonstrationen von Ultraorthodoxen gegen den Computer- und Softwareproduzenten Intel. Gewalttätig insoweit, als israelische Polizisten Steinewerfende Ultras verhaften musste. Grund für diese Demo war eben Intel, das seit ein paar Wochen auch am Schabbat arbeiten lässt. Und das geht halt nicht!

Zeitzeugenbericht

In dem Altersheim, in dem ich gerade arbeite, habe ich es mit diversen Leuten zu tun, die vor 1939 aus Deutschland nach Palästina gegangen sind. Es ist im Grunde immer ein Motiv, welches die Leute diese Reise antreten ließ. Das aktuelle Deutschland erschien zu antisemitisch. Doch wenn man genauer hinschaut, dann sieht man Leute, die von Freunden und Verwandten zur Einreise in Palästina gedrängt wurden, man sieht Leute, die einfach nur fliehen wollten und kein Visum für die USA erhielten und man sieht waschechte Zionisten, die in jedem Fall nach Palästina gegangen wären um für die Errichtung eines jüdischen Staates zu kämpfen.

Ich möchte von einem Herren berichten, der 1913 in Berlin geboren wurde und dann 20-jährig nach Palästina ausgewandert ist. Dieser Herr, nennen wir ihn Hans, ist in einer Familie aufgewachsen, die deutsch-national eingestellt war. Die Familie war total in der deutschen Gesellschaft integriert und assimiliert. So auch Hans. Hans sagt von sich er sei Deutscher und Jude, nicht deutscher Jude und schon gar nicht jüdischer Deutscher. Einfach beides.

Religion spielte in Hans Familie keine große Rolle, die Bar Mizwa war aber genau wie die Beschneidung ein Teil des Familienlebens. Seit der Bar Mizwa war Hans in engerem Kontakt mit seinem Onkel, der ihm den Zionismus nahebrachte. Das bedeutete für ihn nichts weiter als ein bewussteres wahrnehmen des Judentums. Er wuchs also auf, beendete die Volksschule und Mittelschule und wurde 18.

Einschub: Die Demilitarisierung Deutschlands nach dem ersten Weltkrieg, festgeschrieben im Versailler Vertrag, ließ innerhalb kürzester Zeit viele deutsche Berufssoldaten arbeitslos werden. Einige dieser Soldaten fanden sich in der neuen Relaität nicht besonders gut zurecht und bildeten Trupps von Freischärlern, die sich mehr oder weniger legal über Wasser hielten. Diese Trupps waren national bis ultranationalistisch eingestellt und sahen den Vertrag von Versaille als grandiose Schmach. Mitglied in einem dieser Korps war z.B. der spätere Kommandant von Auschwitz, Rudolf Höß, der 1946 in seinem ehemaligen Vernichtungslager hingerichtet wurde.Es gab verschiedene Kasernen, z.B. die Kaserne der “Stahlhelme” in Berlin, die auch Nachwuchs ausbildeten.

Zurück zu Hans. Hans wurde 18 und war Mitglied im revisionistisch-faschistischen jüdischen Jugendbund Beitar. Der Beitar bekämpfte natürlich den Antisemitismus, war aber ansonsten dem nationalen Sozialismus der NSDAP nicht abgeneigt. Man vertrat auch die These, dass die Nationalsozialisten den Antisemitismus vor allem als Wählerfang benutzten und sich dann relativ schnell wieder davon verabschieden würden.

Im Jahr 1931 ging dann bei der zentrale des Beitar Berlin eine Anfrage der mit den Nazis sympathisierenden Stahlhelme ein, man suche noch Rekruten für den demnächst beginnenden Unteroffizierslehrgang in Berlin, ob denn Beitar jemanden schicken wolle.

Hans ließ sich für den Lehrgang einschreiben, wurde von den Stahlhelmen belehrt er sei zwar ein feiner Kerl möge aber bitte sein Judentum verheimlichen und nahm dann auch zwei Jahre lang an dem Lehrgang teil. Diese Ausbildung bietet auch heute noch einen Pensionsanspruch, den Hans wahrnimmt.

Während Beitar Berlin also fast ganz direkt mit den Nationalsozialisten kooperierte, riss Beitar in Jerusalem Nazi Fahnen von der deutschen Botschaft und beförderte die illegale Einwanderung von Juden nach Palästina.

Am 15. Januar 1933 wurde die NSDAP in Deutschland gewählt, mitte 1933 war der Unteroffizierslehrgang beendet und Ende 1933 wanderte Hans nach Palästina aus, wo er als Zionist für die Errichtung eines jüdischen Staates kämpfte.

Beitar we Hapoel

Ich bin Borussia Dortmund Fan. Als ich sieben oder acht Jahre alt war(1997-98), da waren kleine Jungs entweder Bayern oder Dortmund Fans. Diese beiden Clubs haben damals den deutschen Fußball beherrscht. Einige andere waren dann noch Fans des Clubs aus der eigenen Stadt. Sehr ehrenwert.

Später hat man dann mehr darüber erfahren wofür die Vereine stehen, denn jenseits der gewaltigen Geldsummen, die im Fußball umherfliegen gibt es durchaus noch Charakteristika, die einzelne Vereine ausmachen. Borussia Dortmund und Schalke 04(Gelsenkirchen) sind Vereine, die inzwischen 100 Jahre alt sind und sich also in der Zeit der Industrialisierung im Ruhrgebiet gegründet haben. Es sind Arbeitervereine

Aber warum erzähle ich das?

Naja, die Farben von Dortmund sind schwarz und gelb und so war ich hin und weg, als ich gesehen habe, dass die Farben des großen Jerusalemer Fußballclubs (Beitar Jerusalem) dieselben sind. Ich habe mir dann in einem Haushaltswarenladen direkt eine Schürze des Vereins gekauft, die wir bis vor einer Woche zum abwaschen benutzt haben.

Da ich aber keine sieben mehr bin, habe ich mich sofort auf die Suche nach der Bedeutung des Wortes Beitar gemacht und was ich dabei gehört habe, das macht diesen Beitrag endlich politisch:

Wahrscheinlich sagt euch der Name David Ben Gurion etwas. Er war der Chef der sozialistischen Arbeitspartei Mapai und hat 1948 den Staat Israel ausgerufen. Danach war er der erste israelische Präsident. Er war also der Chef des linken Lagers, das die Politik in Palästina/Israel von mindestens 1930 – 1955 geprägt hat. Dieses Lager hat viel Schuld auf sich geladen, da es nicht energisch versucht hat die europäischen Juden zu retten. Das rechte Lager hat in diesem Punkt ebenfalls versagt, der Chef der Revisionisten (der Rechten) war ein Herr Jabotinsky. Die Jugendbewegung dieser Partei war „Beitar“.

Es gibt in Israel einige Vereine mit dem Vornamen Beitar, einige mit dem Vornamen Maccabi und dann noch einige mit dem Vornamen Hapoel. Hapoel bedeutet übersetzt „Der Arbeiter“. Wenn man es ganz einfach ausdrücken will – und das will ich, dann sagt man zu diesen drei Vornamen: „Rechts, Mitte(Zionismus), Links“.

Das wusste ich vorher nicht und deswegen bin ich jetzt Fan von Hapoel Jerusalem.

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